Am letzten Tage des Jahres (Sylvester)

von Annette von Droste-Hülshoff

Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste-Hülshoff (12. Januar 1797 - 24. Mai 1848)

 


Hintergrund:

Als unverheiratete, adlige Frau war Droste-Hülshoff eine Aussenseiterin, die viel allein erleben musste.


Text:

 

Das Jahr geht um,

Der Faden rollt sich sausend ab.

Ein Stündchen noch, das letzte heut,

Und stäubend rieselt in sein Grab

Was einstens war lebendge Zeit.

Ich harre stumm.

 

S' ist tiefe Nacht!

Ob wohl ein Auge offen noch?

In diesen Mauern rüttelt dein

Verrinnen, Zeit! Mir schaudert, doch

Es will die letzte Stunde sein

Einsam durchwacht.

 

Gesehen all,

Was ich begangen und gedacht,

Was mir aus Haupt und Herzen stieg,

Das steht nun eine ernste Wacht

Am Himmelsthor. O halber Sieg,

O schwerer Fall!

 

Wie reißt der Wind

Am Fensterkreuze, ja es will

Auf Sturmesfittigen das Jahr

Zerstäuben, nicht ein Schatten still

Verhauchen unterm Sternenklar.

Du Sündenkind!

 

War nicht ein hohl

Und heimlich Sausen jeder Tag

In der vermorschten Brust Verließ,

Wo langsam Stein an Stein zerbrach,

Wenn es den kalten Odem stieß

Vom starren Pol?

 

Mein Lämpchen will

Verlöschen, und begierig saugt

Der Docht den letzten Tropfen Oel.

Ist so mein Leben auch verraucht,

Eröffnet sich des Grabes Höhl

Mir schwarz und still?

 

Wohl in dem Kreis,

Den dieses Jahres Lauf umzieht,

Mein Leben bricht: Ich wußt es lang!

Und dennoch hat dies Herz geglüht

In eitler Leidenschaften Drang.

Mir brüht der Schweiß

 

Der tiefsten Angst

Auf Stirn und Hand! - Wie, dämmert feucht

Ein Stern dort durch die Wolken nicht?

Wär es der Liebe Stern vielleicht,

Dich scheltend mit dem trüben Licht,

Daß du so bangst?

 

Horch, welch Gesumm?

Und wieder? Sterbemelodie!

Die Glocke regt den ehrnen Mund.

O Herr! ich falle auf das Knie:

Sey gnädig meiner letzten Stund!

Das Jahr ist um!

 


Text nach: Annette von Droste-Hülshoff: Werke. Briefwechsel. Hist.-krit. Ausg. Hrsg. von Winfried Woesler. Bd. 4,1: Geistliche Dichtung. Text. Bearb. von Winfried Woesler. Tübingen: Niemeyer, 1980. S. 165 f.

Entstanden: Januar 1840.

Erstdruck: Das geistliche Jahr. Nebst einem Anhang religiöser Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff. [Hrsg. von Christoph Bernhard Schlüter in Zus.arb. mit Wilhelm Junkmann.] Stuttgart/Tübingen: Cotta, 1851.

 


harren - wait, hope for

S' - Es

einsam - lonesome, forlorn

Sturmesfittigen - wings of a storm

verhauchen - disolve in breath

Odem - breath

Docht - wick

verraucht - to go up in smoke

des Grabes Höhl (= Höhle) - the opening of the grave

eitl (= eitel) - vain

scheltend - scoldingly

bangst - become fearful, anxious

Gesumm - buzzing, drone

Sterbemelodie - a tune to accompany death

ehrnen - respectful

sey (= sei) - may it be

gnädig - merciful

Stund (= Stunde) - hour