Komm in den totgesagten park und schau

von Stefan George (12. Juli 1868 - 4. Dezember 1933)

 


Hintergrund:

 


Text:

Vorrede der zweiten Ausgabe

Auch einige die sich dem sinn des verfassers genähert haben meinten es helfe zum tieferen verständnis wenn sie im Jahr der Seele bestimmte personen und örter ausfindig machten möge man doch (wie ohne widerrede bei darstellenden werken) auch bei einer dichtung vermeiden sich unweise an das menschliche oder landschaftliche urbild zu kehren: es hat durch die kunst solche umformung erfahren dass es dem schöpfer selber unbedeutend wurde und ein wissen darum für jeden andren eher verwirrt als löst. Namen gelten nur da wo sie als huldigung oder gabe verewigen sollen und selten sind sosehr wie in diesem buch ich und du die selbe seele.

 

Nach der lese

 

Komm in den totgesagten park und schau :

Der schimmer ferner lächelnder gestade ·

Der reinen wolken unverhofftes blau

Erhellt die weiher und die bunten pfade.

 

Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau

Von birken und von buchs · der wind ist lau ·

Die späten rosen welkten noch nicht ganz ·

Erlese küsse sie und flicht den kranz ·

 

Vergiss auch diese lezten astern nicht ·

Den purpur um die ranken wilder reben ·

Und auch was übrig blieb von grünem leben

Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

 

Ihr rufe junger jahre die befahlen

Nach IHR zu suchen unter diesen zweigen :

Ich muss vor euch die stirn verneinend neigen ·

Denn meine liebe schläft im land der strahlen.

 

Doch schickt ihr SIE mir wieder die im brennen

Des sommers und im flattern der eroten

Sich als geleit mir schüchtern dargeboten

Ich will sie diesmal freudig anerkennen.

 

Die reifen trauben gären in den bütten ·

Doch will ich alles was an edlen trieben

Und schöner saat vom sommer mir geblieben

Aus vollen händen vor ihr niederschütten.

 

Ja heil und dank dir die den segen brachte !

Du schläfertest das immer laute pochen

Mit der erwartung deiner - teure - sachte

In diesen glanzerfüllten sterbewochen.

 

Du kamest und wir halten uns umschlungen ·

Ich werde sanfte worte für dich lernen

Und ganz als glichest du der einen fernen

Dich loben auf den sonnen-wanderungen.

 

Wir schreiten auf und ab im reichen flitter

Des buchenganges beinah bis zum tore

Und sehen aussen in dem feld vom gitter

Den mandelbaum zum zweitenmal im flore.

 

Wir suchen nach den schattenfreien bänken

Dort wo uns niemals fremde stimmen scheuchten ·

In träumen unsre arme sich verschränken ·

Wir laben uns am langen milden leuchten

 

Wir fühlen dankbar wie zu leisem brausen

Von wipfeln strahlenspuren auf uns tropfen

Und blicken nur und horchen wenn in pausen

Die reifen früchte an den boden klopfen.

 

Umkreisen wir den stillen teich

In den die wasserwege münden !

Du suchst mich heiter zu ergründen ·

Ein wind umweht uns frühlings-weich.

 

Die blätter die den boden gilben

Verbreiten neuen wolgeruch ·

Du sprichst mir nach in klugen silben

Was mich erfreut im bunten buch.

 

Doch weisst du auch vom tiefen glücke

Und schätzest du die stumme träne ?

Das auge schaltend auf der brücke

Verfolgest du den zug der schwäne.

 

Wir stehen an der hecken gradem wall

In reihen kommen kinder mit der nonne.

Sie singen lieder von der himmelswonne

In dieser erde sichrem klarem hall.

 

Die wir uns in der abendneige sonnten

Uns schreckten deine worte und du meinst

Wir waren glücklich bloss solang wir einst

Nicht diese hecken überschauen konnten.

 

Du willst am mauerbrunnen wasser schöpfen

Und spielend in die kühlen strahlen langen ·

Doch scheint es mir du wendest mit befangen

Die hände von den beiden löwenköpfen.

 

Den ring mit dem erblindeten juwele

Ich suchte dir vom finger ihn zu drehen ·

Dein feuchtes auge küsste meine seele

Als antwort auf mein unverhülltes flehen.

 

Nun säume nicht die gaben zu erhaschen

Des scheidenden gepränges vor der wende ·

Die grauen wölken sammeln sich behende ·

Die nebel können bald uns überraschen.

 

Ein schwaches flöten von zerpflücktem aste

Verkündet dir dass lezte gute weise

Das land (eh es im nahen sturm vereise)

Noch hülle mit beglänzendem damaste.

 

Die wespen mit den goldengrünen schuppen

Sind von verschlossnen kelchen fortgeflogen ·

Wir fahren mit dem kahn in weitem bogen

Um bronzebraunen laubes inselgruppen.

 

Wir werden heute nicht zum garten gehen ·

Denn wie uns manchmal rasch und unerklärt

Dies leichte duften oder leise wehen

Mit lang vergessner freude wieder nährt:

 

So bringt uns jenes mahnende gespenster

Und leiden das uns bang und müde macht.

Sieh unterm baume draussen vor dem fenster

Die vielen leichen nach der winde schlacht!

 

Vom tore dessen eisen-lilien rosten

Entfliegen vögel zum verdeckten rasen

Und andre trinken frierend auf den pfosten

Vom regen aus den hohlen blumen-vasen.

 

Ich schrieb es auf: nicht länger sei verhehlt

Was als gedanken ich nicht mehr verbanne ·

Was ich nicht sage · du nicht fühlst: uns fehlt

Bis an das glück noch eine weite spanne.

 

An einer hohen blume welkem stiel

Entfaltest du's · ich stehe fern und ahne . .

Es war das weisse blatt das dir entfiel

Die grellste farbe auf dem fahlen plane.

 

Im freien viereck mit den gelben steinen

In dessen mitte sich die brunnen regen

Willst du noch flüchtig späte rede pflegen

Da heut dir hell wie nie die sterne scheinen.

 

Doch tritt von dem basaltenen behälter!

Er winkt die toten zweige zu bestatten ·

Im vollen mondenlichte weht es kälter

Als drüben unter jener föhren schatten . .

 

Ich lasse meine grosse traurigkeit

Dich falsch erraten um dich zu verschonen ·

Ich fühle hat die zeit uns kaum entzweit

So wirst du meinen traum nicht mehr bewohnen.

 

Doch wenn erst unterm schnee der park entschlief

So glaub ich dass noch leiser trost entquille

Aus manchen schönen resten - strauss und brief -

In tiefer kalter winterlicher stille.