Ballade des äußeren Lebens
von Hugo von Hofmannsthal (1. Februar 1874 - 15 Juli 1929)
eigentlich: Hugo Laurenz August Hofmann, Edler von Hofmannsthal
Hintergrund:
Hofmannsthal gilt als der bedeutendeste Lyriker seit Goethe, weil er Sprachtalent und eine eigenartige Stimme in jedem Gedicht zeigt. Gedichte konnte er im Kopf über Zeit formulieren, bis er dann alles in einem perfekten Zug niederschrieb. Schwermut ist ein Grundgefühl.
Text:
Ballade des äußeren Lebens
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
und alle Menschen gehen ihre Wege.
Und süße Früchte werden aus den herben
und fallen nachts wie tote Vögel nieder
und liegen wenig Tage und verderben.
Und immer weht der Wind, und immer wieder
vernehmen wir und reden viele Worte
und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
und drohende, und totenhaft verdorrte...
Wozu sind diese aufgebaut? Und gleichen
einander nie ? Und sind unzählig viele?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
Was frommt das alles uns und diese Spiele,
die wir doch groß und ewig einsam sind
und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der "Abend sagt,
ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.