Nathan der Weise

von Gotthold Ephraim Lessing (1728 - 1781)

 


Hintergrund:

Lessing verfaßte dieses Schauspiels kurz vor seinem Tod. Saladin ist in Geldschwierigkeiten, sucht und findet schließlich die Hilfe Nathans, der Jude ist. Ausschlaggebend für ihre Freundschaft ist die von Nathan erzählte Ringparabel. Vom Sultan befragt, welche Religion denn die wahre sei - das Christentum, das Judentum oder der Islam -, antwortet Nathan mit der Parabel von den drei Ringen, die einander so sehr gleichen, daß sie in ihrem Wert nicht mehr zu unterscheiden sind. Keiner der drei Religionen ist der Vorzug zu geben. Vor Gott sind sie alle gleich, und diejenige ist die beste, die am meisten mit den anderen in vorurteilsloser freien Liebe wetteifert.


Text:  

 

DRITTER AUFZUG

FÜNFTER AUFTRITT

Saladin und Nathan.

[...]

SALADIN. Ich heische deinen Unterricht in ganz

Was anderm; ganz was anderm. - Da du nun

So weise bist: so sage mir doch einmal -

Was für ein Glaube, was für ein Gesetz 1840

Hat dir am meisten eingeleuchtet?

NATHAN. Sultan,

Ich bin ein Jud'.

SALADIN. Und ich ein Muselmann.

Der Christ ist zwischen uns. - Von diesen drei

Religionen kann doch eine nur

Die wahre sein. - Ein Mann, wie du, bleibt da

Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt

Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,

Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern.

Wohlan! so teile deine Einsicht mir

Dann mit. Laß mich die Gründe hören, denen 1850

Ich selber nachzugrübeln, nicht die Zeit

Gehabt. Laß mich die Wahl, die diese Gründe

Bestimmt, - versteht sich, im Vertrauen - wissen,

Damit ich sie zu meiner mache. Wie?

Du stutzest? wägst mich mit dem Auge? - Kann

Wohl sein, daß ich der erste Sultan bin,

Der eine solche Grille hat; die mich

Doch eines Sultans eben nicht so ganz

Unwürdig dünkt. - Nicht wahr? - So rede doch!

Sprich! - Oder willst du einen Augenblick, 1860

Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir. -

[...]

SECHSTER AUFTRITT

Nathan allein.

 

Hm! hm! - wunderlich! - Wie ist

Mir denn? - Was will der Sultan? was? - Ich bin

Auf Geld gefaßt; und er will - Wahrheit. Wahrheit!

Und will sie so, - so bar, so blank, - als ob

Die Wahrheit Münze wäre!

 

SIEBENTER AUFTRITT

Saladin und Nathan.

 

SALADIN.

(So ist das Feld hier rein!) - Ich komm dir doch

Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande

Mit deiner Überlegung. - Nun so rede!

Es hört uns keine Seele.

NATHAN. Möcht' auch doch

Die ganze Welt uns hören.

NATHAN. Traun, ein schöner Titel!

Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue,

Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu

Erzählen?

SALADIN. Warum das nicht? Ich bin stets

Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut

Erzählt.

NATHAN. Ja, gut erzählen, das ist nun

Wohl eben meine Sache nicht.

SALADIN. Schon wieder

So stolz bescheiden? - Mach! erzähl, erzähle! 1910

NATHAN.

Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,

Der einen Ring von unschätzbarem Wert

Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein

Opal, der hundert schöne Farben spielte,

Und hatte die geheime Kraft, vor Gott

Und Menschen angenehm zu machen, wer

In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,

Daß ihn der Mann in Osten darum nie

Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,

Auf ewig ihn bei seinem Hause zu 1920

Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring

Von seinen Söhnen dem geliebtesten;

Und setzte fest, daß dieser wiederum

Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,

Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,

Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein

Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. -

Versteh mich, Sultan.

SALADIN. Ich versteh dich. Weiter!

NATHAN.

So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,

Auf einen Vater endlich von drei Söhnen; 1930

Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,

Die alle drei er folglich gleich zu lieben

Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit

Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald

Der dritte, - sowie jeder sich mit ihm

Allein befand, und sein ergießend Herz

Die andern zwei nicht teilten, - würdiger

Des Ringes; den er denn auch einem jeden

Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.

Das ging nun so, solang es ging. - Allein 1940

Es kam zum Sterben, und der gute Vater

Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei

Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort

Verlassen, so zu kränken. - Was zu tun? -

Er sendet in geheim zu einem Künstler,

Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,

Zwei andere bestellt, und weder Kosten

Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,

Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt

Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt, 1950

Kann selbst der Vater seinen Musterring

Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft

Er seine Söhne, jeden insbesondre;

Gibt jedem insbesondre seinen Segen, -

Und seinen Ring, - und stirbt. - Du hörst doch, Sultan?

SALADIN (der sich betroffen von ihm gewandt).

Ich hör, ich höre! - Komm mit deinem Märchen

Nur bald zu Ende. - Wird's?

NATHAN. Ich bin zu Ende.

Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. -

Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder

Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst 1960

Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,

Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht

Erweislich; - (nach einer Pause, in welcher er des

Sultans Antwort erwartet)

Fast so unerweislich, als

Uns itzt - der rechte Glaube.

SALADIN. Wie? das soll

Die Antwort sein auf meine Frage? . . .

NATHAN. Soll

Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe

Mir nicht getrau zu unterscheiden, die

Der Vater in der Absicht machen ließ,

Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

SALADIN.

Die Ringe! - Spiele nicht mit mir! - Ich dächte, 1970

Daß die Religionen, die ich dir

Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.

Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!

NATHAN. Und nur von seiten ihrer Gründe nicht. -

Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?

Geschrieben oder überliefert! - Und

Geschichte muß doch wohl allein auf Treu

Und Glauben angenommen werden? - Nicht? -

Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn

Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen? 1980

Doch deren Blut wir sind? doch deren, die

Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe

Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo

Getäuscht zu werden uns heilsamer war? -

Wie kann ich meinen Vätern weniger

Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. -

Kann ich von dir verlangen, daß du deine

Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht

Zu widersprechen? Oder umgekehrt.

Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? - 1990

SALADIN. (Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.

Ich muß verstummen.)

NATHAN. Laß auf unsre Ring'

Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne

Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,

Unmittelbar aus seines Vaters Hand

Den Ring zu haben. - Wie auch wahr! - Nachdem

Er von ihm lange das Versprechen schon

Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu

Genießen. - Wie nicht minder wahr! - Der Vater,

Beteurte jeder, könne gegen ihn 2000

Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses

Von ihm, von einem solchen lieben Vater,

Argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder,

So gern er sonst von ihnen nur das Beste

Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels

Bezeihen; und er wolle die Verräter

Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

SALADIN.

Und nun, der Richter? - Mich verlangt zu hören,

Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

NATHAN.

Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater 2010

Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch

Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel

Zu lösen da bin? Oder harret ihr,

Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? -

Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring

Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;

Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß

Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden

Doch das nicht können! - Nun; wen lieben zwei

Von Euch am meisten? - Macht, sagt an! Ihr schweigt? 2020

Die Ringe wirken nur zurück? und nicht

Nach außen? Jeder liebt sich selber nur

Am meisten? - Oh, so seid ihr alle drei

Betrogene Betrüger! Eure Ringe

Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring

Vermutlich ging verloren. Den Verlust

Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater

Die drei für einen machen.

SALADIN. Herrlich! herrlich!

NATHAN. Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr

Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt: 2030

Geht nur! - Mein Rat ist aber der: ihr nehmt

Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von

Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:

So glaube jeder sicher seinen Ring

Den echten. - Möglich; daß der Vater nun

Die Tyrannei des einen Rings nicht länger

In seinem Hause dulden wollen! - Und gewiß;

Daß er euch alle drei geliebt, und gleich

Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,

Um einen zu begünstigen. - Wohlan! 2040

Es eifre jeder seiner unbestochnen

Von Vorurteilen freien Liebe nach!

Es strebe von euch jeder um die Wette,

Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag

Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,

Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,

Mit innigster Ergebenheit in Gott

Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte

Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:

So lad ich über tausend tausend Jahre 2050

Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird

Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen

Als ich; und sprechen. Geht! - So sagte der

Bescheidne Richter.

 


ausschlaggebend = decisive

der Vorzug = preference

wetteifern = to contend, to compete

heischen = to demand

einleuchten = to be clear, to make sense

der Zufall = accident, chance, coincidence

nachgrübeln = to muse about

stutzen = to crop, to trim, to shorten

wägen = to balance, to weigh

die Grille = cricket (an animal in a cage for entertainment)

unwürdig = dishonorable

fassen = to believe

stets = always, ever

bescheiden = decent, humble

grauen = many (line 1911)

die Verfügung = decision

entbrechen = break free

ergießen = gush, pour out

würdiger = worthier

die Verlegenheit = awkwardness, confusion

allein = however

die Mühe = effort

der Segen = blessing

zanken = to quarrel, to dispute

erweislich = provable, demonstrable

itzt = jetzt

getrauen = to dare

der Zweifel = disbelief, doubt

täuschen = to baffle, to bluff

verlangen = to ask, to claim, to demand

minder = less

beteuern = to affirm, to assert

das Rätsel = conundrum, enigma

harren = to await

der Betrüger = crook, fraud

vermutlich = assumedly, presumably

dulden = to abide, to endure

die Sanftmut = gentleness, meekness

die Verträglichkeit = compatibility

die Ergebenheit = faithfulness, loyalty

nacheifern = emulate, follow suit