Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen
Friedrich von Schiller
Hintergrund:
Mit dieser essayistischen Arbeit möchte Schiller seine Ideen über das Wesen des Menschen erklären. "Spieltrieb" ist für Schiller die Vereinigung von "Stofftrieb" (das materielle Sein, oder Gegenwart der Sinnen) und "Formtrieb" (das geistige Sein, oder Gegenwart des Intellekts); Gegenstand des Spieltriebs ist die Schönheit.
Man wird niemals irren, wenn man das Schönheitsideal eines Menschen auf dem nämlichen Wege sucht, auf dem er seinen Spieltrieb befriedigt. Wenn sich die griechischen Völkerschaften in den Kampfspielen zu Olympia an den unblutigen Wettkämpfen der Kraft, der Schnelligkeit, der Gelenkigkeit und an dem edlern Wechselstreit der Talente ergötzen, und wenn das römische Volk an dem Todeskampf eines erlegten Gladiators oder seines libyschen Gegners sich labt, so wird es uns auf diesem einzigen Zuge begreiflich, warum wir die Idealgestalten einer Venus, einer Juno, eines Apolls nicht in Rom, sondern in Griechenland aufsuchen müssen. Nun spricht aber die Vernunft: das Schöne soll nicht bloßes Leben und nicht bloße Gestalt, sondern lebende Gestalt, d. i. Schönheit sein, indem sie ja dem Menschen das doppelte Gesetz der absoluten Formalität und der absoluten Realität diktiert. Mithin tut sie auch den Ausspruch: der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen.
Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Dieser Satz, der in diesem Augenblicke vielleicht paradox erscheint, wird eine große und tiefe Bedeutung erhalten, wenn wir erst dahin gekommen sein werden, ihn auf den doppelten Ernst der Pflicht und des Schicksals anzuwenden; er wird, ich verspreche es Ihnen, das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und der noch schwierigern Lebenskunst tragen. Aber dieser Satz ist auch nur in der Wissenschaft unerwartet; längst schon lebte und wirkte er in der Kunst und in dem Gefühle der Griechen, ihrer vornehmsten Meister; nur, daß sie in den Olympus versetzten, was auf der Erde sollte ausgeführt werden. Von der Wahrheit desselben geleitet, ließen sie sowohl den Ernst und die Arbeit, welche die Wangen der Sterblichen furchen, als die nichtige Lust, die das leere Angesicht glättet, aus der Stirne der seligen Götter verschwinden, gaben die Ewigzufriedenen von den Fesseln jedes Zweckes, jeder Pflicht, jeder Sorge frei und machten den Müßiggang und die Gleichgültigkeit zum beneideten Loose des Götterstandes: ein bloß menschlicherer Name für das freieste und erhabenste Sein. Sowohl der materielle Zwang der Naturgesetze, als der geistige Zwang der Sittengesetze verlor sich in ihrem höhern Begriff von Nothwendigkeit, der beide Welten zugleich umfaßte, und aus der Einheit jener beiden Nothwendigkeiten ging ihnen erst die wahre Freiheit hervor. Beseelt von diesem Geiste, löschten sie aus den Gesichtszügen ihres Ideals zugleich mit der Neigung auch alle Spuren des Willens aus, oder besser, sie machten beide unkenntlich, weil sie beide in dem innigsten Bund zu verknüpfen wußten. Es ist weder Anmuth, noch ist es Würde, was auf dem herrlichen Antlitz einer Juno Ludovisi zu uns spricht; es ist keines von beiden, weil es beides zugleich ist. Indem der weibliche Gott unsre Anbetung heischt, entzündet das gottgleiche Weib unsre Liebe; aber, indem wir uns der himmlischen Holdseligkeit aufgelöst hingeben, schreckt die himmlische Selbstgenügsamkeit uns zurück. In sich selbst ruhet und wohnt die ganze Gestalt, eine völlig geschlossene Schöpfung, und als wenn sie jenseits des Raumes wäre, ohne Nachgeben, ohne Widerstand; da ist keine Kraft, die mit Kräften kämpfte, keine Blöße, wo die Zeitlichkeit einbrechen könnte. Durch jenes unwiderstehlich ergriffen und angezogen, durch dieses in der Ferne gehalten, befinden wir uns zugleich in dem Zustand der höchsten Ruhe und der höchsten Bewegung, und es entsteht jene wunderbare Rührung, für welche der Verstand keinen Begriff und die Sprache keinen Namen hat.
Juno Ludovisi - Skulptur in der Sammlung Ludovisi, die die römische Kaiserin Antonia die Jüngere darstellt und als unbeschreiblich schön gilt.
der Spieltrieb play instinct or drive
befriedigt satisfied
die Völkerschaft nation
der Wettkämpf - tournament
die Gelenkigkeit flexibility
der Wechselstreit growing clash
sich an etw. ergötzen to gloat over something
der Todeskampf agony
erlegten - slayed
der Gegner adversary
sich an etw. laben to delight in something
begreiflich apprehensible
jmdn. aufsuchen to call on so.
die Gestalt likeness / shape
das Schicksal fate
unerwartet unforseen / unanticipated
der/die Sterbliche mortal
furchen - furrow
nichtige futile / inane
glättet smoothes
der Müßiggang idleness
die Gleichgültigkeit - callousness
die Anbetung adoration
die Selbstgenügsamkeit self-sufficiency
die Schöpfung creation
das Nachgeben yielding
die Ferne distance
die Rührung - emotion
Anmuth - loveliness
Antlitz - Face
ästhetisch - aesthetic
bloß - pure
ergötzen - to gloat over something
Fesseln - ties
furchen - furrow or groove
Gesichtszügen - hard- or sharp- featured
glättet - to burnish or polish
Gleichgültigkeit - callousness or indifference
heischt - Heischen - to beg for something
heraussagen - finally say it
Holdseligkeit - graceful blessedness
Kampfspiele - War games
labt (laben) - to refresh
libyschen - Libyan
Mithin - therefor or consequently
Müßiggang - idleness
Neigung - Addiction
nichtige Lust - futile desire
Rührung - feeling
Schönheitsideal - ideal of beauty
Schöpfung - creation
Selbstgenügsamkeit - self satisfying
unblutigen - bloodless
verknüpfen - to associate, link or tie
vornehmst - most noble
Wechselstreit - reciprocating strife
Wettkämpfe -competitions