Der Runenberg

von Ludwig Tieck (31. Mai 1773 - 28. April 1853)


Hintergrund:

Tieck zeigt die romantische Vorliebe hier für die gemischte Form und neben Naturbeschreibungen benutzt er Grundwörter der Romantik wie Einsamkeit, Schicksal, Heimat, Befreundete, und Mut. Ein junger Mann geht fort in die weite Welt und sucht "sein Glück" - ein echt romantisches Motiv!


Text:

 

Ein junger Jäger saß im innersten Gebirge nachdenkend bei einem Vogelherde, indem das Rauschen der Gewässer und des Waldes in der Einsamkeit tönte. Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimat, und alle Befreundeten seines Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus dem Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen, und er blickte mit einer Art von Verwunderung auf, daß er sich nun in diesem Tale, in dieser Beschäftigung wiederfand. Große Wolken zogen durch den Himmel und verloren sich hinter den Bergen, Vögel angen aus den Gebüschen und ein Widerschall antwortete ihnen. Er stieg langsam den Berg hinunter, und setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der über vorragendes Gestein schäumend murmelte. Er hörte auf die wechselnde Melodie des Wassers, und es schien, als wenn ihm die Wogen in unverständlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig waren, und er mußte sich innig betrüben, daß er ihre Reden nicht verstehen konnte. Wieder sah er dann umher und ihm dünkte, er sei froh und glücklich; so faßte er wieder neuen Mut und sang mit lauter Stimme einen Jägergesang.

 

"Froh und lustig zwischen Steinen

Geht der Jüngling auf die Jagd,

Seine Beute muß erscheinen

In den grünlebendgen Hainen,

Sucht' er auch bis in die Nacht.

 

Seine treuen Hunde bellen

Durch die schöne Einsamkeit,

Durch den Wald die Hörner gellen,

Daß die Herzen mutig schwellen:

O du schöne Jägerzeit!

 

Seine Heimat sind die Klüfte,

Alle Bäume grüßen ihn,

Rauschen strenge Herbsteslüfte

Find't er Hirsch und Reh, die Schlüfte

Muß er jauchzend dann durchziehn.

 

Laß dem Landmann seine Mühen

Und dem Schiffer nur sein Meer,

Keiner sieht in Morgens Frühen

So Auroras Augen glühen,

Hängt der Tau am Grase schwer,

 

Als wer Jagd, Wild, Wälder kennet

Und Diana lacht ihn an,

Einst das schönste Bild entbrennet,

Die er seine Liebste nennet:

O beglückter Jägersmann!"

 

Während dieses Gesanges war die Sonne tiefer gesunken und breite Schatten fielen durch das enge Tal. Eine kühlende Dämmerung schlich über den Boden weg, und nur noch die Wipfel der Bäume, wie die runden Bergspitzen waren vom Schein des Abends vergoldet. Christians Gemüt ward immer trübseliger, er mochte nicht nach seinem Vogelherde zurückkehren, und dennoch mochte er nicht bleiben; es dünkte ihm so einsam und er sehnte sich nach Menschen. Jetzt wünschte er sich die alten Bücher, die er sonst bei seinem Vater gesehn, und die er niemals lesen mögen, sooft ihn auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm die Szenen seiner Kindheit ein, die Spiele mit der Jugend des Dorfes, seine Bekanntschaften unter den Kindern, die Schule, die ihm so drückend gewesen war, und er sehnte sich in alle diese Umgebungen zurück, die er freiwillig verlassen hatte, um sein Glück in unbekannten Gegenden, in Bergen, unter fremden Menschen, in einer neuen Beschäftigung zu finden. […]


die Einsamkeit – solitude

das Schicksal – destiny, fate

die Umgebung – environment

wiederkehrend – recurring

entfernen – to remove

die Beschäftigung – activity

die Beute – prey, prize

erscheinen – to appear

gellen – resound

die Klüfte – crevices, chasms

die Schlüfte – crevices, chasms

jauchzen – to cheer

die Mühen – troubles, efforts

glühen – glow

der Tau – dew

entbrennen – to break out

die Dämmerung – dawn

die Wipfel – tree tops

trübselig – cheerless