Frühlings Erwachen
von Frank Wedekind (24. Juli 1864 - 9. März 1918)
[eigentlich Benjamin Franklin Wedekind !]
Hintergrund:
Wedekind ist hier ein Meister der Sprachparodie, die eigentlich viel Treffendes entlarvt.
Text:
Dritter Akt / Erste Szene
Konferenzzimmer. - An den Wänden die Bildnisse von Pestalozzi und J. J. Rousseau. Um einen grünen Tisch, über dem mehrere Gasflammen brennen, sitzen die Professoren Affenschmalz, Knüppeldick, Hungergurt, Knochenbruch, Zungenschlag und Fliegentod. Am oberen Ende auf erhöhtem Sessel Rektor Sonnenstich. Pedell Habebald kauert neben der Tür.
Habebald öffnet die Türe, worauf Melchior, bleich, aber gefaßt, vor die Versammlung tritt.
Sonnenstich: Treten Sie näher an den Tisch heran! - Nachdem Herr Rentier Stiefel von dem ruchlosen Frevel seines Sohnes Kenntnis erhalten, durchsuchte der fassungslose Vater, in der Hoffnung, auf diesem Wege möglicherweise dem Anlaß der verabscheuungswürdigen Untat auf die Spur zu kommen, die hinterlassenen Effekten seines Sohnes Moritz und stieß dabei an einem nicht zur Sache gehörigen Orte auf ein Schriftstück, welches uns, ohne noch die verabscheuungswürdige Untat an sich verständlich zu machen, für die dabei maßgebend gewesene moralische Zerrüttung des Untäters eine leider nur allzu ausreichende Erklärung liefert. Es handelt sich um eine in Gesprächsform abgefaßte, »Der Beischlaf« betitelte, mit lebensgroßen Abbildungen versehene, von den schamlosesten Unflätereien strotzende, zwanzig Seiten lange Abhandlung, die den geschraubtesten Anforderungen, die ein verworfener Lüstling an eine unzüchtige Lektüre zu stellen vermöchte, entsprechen dürfte. -
Melchior: Ich habe...
Sonnenstich: Sie haben sich ruhig zu verhalten! - Nachdem Herr Rentier Stiefel uns fragliches Schriftstück ausgehändigt und wir dem fassungslosen Vater das Versprechen erteilt, um jeden Preis den Autor zu ermitteln, wurde die uns vorliegende Handschrift mit den Handschriften sämtlicher Mitschüler des weiland Ruchlosen verglichen und ergab nach dem einstimmigen Urteil der gesamten Lehrerschaft sowie in vollkommenem Einklang mit dem Spezial-Gutachten unseres geschätzten Herrn Kollegen für Kalligraphie die denkbar bedenklichste Ähnlichkeit mit der Ihrigen. -
Melchior: Ich habe...
Sonnenstich: Sie haben sich ruhig zu verhalten! - Ungeachtet der erdrückenden Tatsache der von seiten unantastbarer Autoritäten anerkannten Ähnlichkeit glauben wir uns vorderhand noch jeder weiteren Maßnahmen enthalten zu dürfen, um in erster Linie den Schuldigen über das ihm demgemäß zur Last fallende Vergehen wider die Sittlichkeit in Verbindung mit daraus resultierender Veranlassung zur Selbstentleibung ausführlich zu vernehmen.
Melchior: Ich habe...
Sonnenstich: Sie haben die genau präzisierten Fragen, die ich Ihnen der Reihe nach vorlege, eine um die andere, mit einem schlichten und bescheidenen »Ja« oder »Nein« zu beantworten. Habebald!
Habebald: Befehlen, Herr Rektor!
Sonnenstich: Die Akten! - - Ich ersuche unseren Schriftführer, Herrn Kollega Fliegentod, von nun an möglichst wortgetreu zu protokollieren. - Zu Melchior: Kennen Sie dieses Schriftstück?
Melchior: Ja.
Sonnenstich: Wissen Sie, was dieses Schriftstück enthält?
Melchior: Ja.
Sonnenstich: Ist die Schrift dieses Schriftstücks die Ihrige?
Melchior: Ja.
Sonnenstich: Verdankt dieses unflätige Schriftstück Ihnen seine Abfassung?
Melchior: Ja. - Ich ersuche Sie, Herr Rektor, mir eine Unflätigkeit darin nachzuweisen.
Sonnenstich: Sie haben die genau präzisierten Fragen, die ich Ihnen vorlege, mit einem schlichten und bescheidenen »Ja« oder »Nein« zu beantworten!
Melchior: Ich habe nicht mehr und nicht weniger geschrieben, als was eine Ihnen sehr wohlbekannte Tatsache ist!
Sonnenstich: Dieser Schandbube!!
Melchior: Ich ersuche Sie, mir einen Verstoß gegen die Sittlichkeit in der Schrift zu zeigen!
Sonnenstich: Bilden Sie sich ein, ich hätte Lust, zu Ihrem Hanswurst an Ihnen zu werden?! - Habebald...
Melchior: Ich habe...
Sonnenstich: Sie haben so wenig Ehrerbietung vor der Würde Ihrer versammelten Lehrerschaft, wie Sie Anstandsgefühl für das dem Menschen eingewurzelte Empfinden für die Diskretion der Verschämtheit einer sittlichen Weltordnung haben! [...]
die Unflätereien - scurrilities
die Unflätigkeit - scurrility
Bildnisse - effigies
Gasflammen - gas flames
kauern - to cower
Frevel - iniquity, outrage
möglicherweise - maybe
Untat - crime
Massnahmen - arrangements; measures
Veranlassung - cause, reason
Reihe - alignment; array; rank
protokollieren - to record