1) Matthew - Martin Opitz
O wol dem, der die rechte Zeit
O wol dem, der die rechte Zeit
In allen Dingen siehet
Und nicht nach dem, was allbereit
Hinweg ist, sich bemhet,
Der kennet, was er lieben soll
Und was er soll verlassen;
Er lebet frey und allzeit wohl
Und darff sich selbst nicht hassen.
Die Gttin der Gelegenheit
Ist fornen nur mit Haaren,
Im Nacken bleibt sie kahl allzeit;
Drumb la§ sie ja nicht fahren,
Weil du sie bey der Stirnen hast,
Der Tag gehet eylends nieder,
Die Stunden lauffen ohne Rast,
Und kommen gantz nicht wieder.
2) Shawn - Johann Christian Guenther
Studentenlied
Brder, la§t uns lustig sein,
Weil der Frhling whret
Und der Jugend Sonnenschein
Unser Laub verklret.
Grab und Bahre warten nicht;
Wer die Rosen jetzo bricht,
Dem ist der Kranz bescheret.
Unsers Lebens schnelle Flucht
Leidet keinen Zgel,
Und des Schicksals Eifersucht
Macht ihr stetig Flgel.
Zeit und Jahre fliehn davon,
Und vielleichte schnitzt man schon
An unsers Grabes Riegel.
Wo sind diese, sagt es mir,
Die vor wenig Jahren
Eben also, gleich wie wir,
Jung und frhlich waren?
Ihre Leiber deckt der Sand,
Sie sind in ein ander Land
Aus dieser Welt gefahren.
Wer nach unsern Vtern forscht,
Mag den Kirchhof fragen;
Ihr Gebein, so lngst vermorscht,
Wird ihm Antwort sagen.
Kann uns doch der Himmel bald,
Eh die Morgenglocke schallt,
In unsre Grber tragen.
Unterdessen seid vergngt,
La§t den Himmel walten,
Trinkt, bis euch das Bier besiegt,
Nach Manier der Alten!
Fort! Mir wssert schon das Maul,
Und, ihr andern, seid nicht faul,
Die Mode zu erhalten.
Dieses Glschen bring ich dir,
Da§ die Liebste lebe
Und der Nachwelt bald von dir
Einen Abriss Hier Abbild im Sinne von
Kind gebe.
Setzt ihr andern gleichfalls an,
Und wenn dieses ist getan,
So lebt der edlen Rebe.
3) Nathan - Achim von Arnim
Der Durstige
Ach Gott, wie tt mir gut
Ein Ku§ auf meinem Mund,
Die Lippe wr' nicht wund
Von Durst und hei§er Glut:
Ich wre dann gesund
Und ruhig lief mein Blut,
Ach Gott, wie tt mir gut
Ein Ku§ auf ihrem Mund.
Die Liebe wr' dann aus,
Ich wrde flei§ig sein,
Es fiel mir manches ein,
Ich bliebe dann zu Haus,
Ich flieg' dem Leuchtwurm nach,
Ihn lscht kein Dunkel aus,
Es fliegt zu Liebchens Haus,
Wenn niemand drinnen wach.
Ach Gott, so mu§ ich hin
In jeder ncht'gen Stund',
Es wird schon allen kund,
Da§ ich verliebet bin;
Ob ich geliebet bin,
Ach Gott, tu es mir kund,
Durch ihren schnen Mund,
Zu ihr mu§ ich jetzt hin.
Ach Gott, heut schlie§ mich ein
In ihre Lippen dicht,
Im nchtlichen Gesicht,
Sind sie wie Wellenschein,
Ach brennen hei§ und licht,
Erlsche mich darein,
Es kann nicht anders sein
Und ich versag's mir nicht.
4) Jodi - Ferdinand Freiligrath
Wr' ich im Bann von Mekkas Toren
Wr' ich im Bann von Mekkas Toren,
Wr' ich auf Yemens glhndem Sand,
Wr' ich am Sinai geboren,
Dann fhrt' ein Schwert wohl diese
Hand;
Dann zg' ich wohl mit flcht'gen
Pferden
Durch Jethros flammendes Gebiet!
Dann hielt' ich wohl mit meinen Herden
Rast bei dem Busche, der geglht;
Dann abends wohl vor meinem Stamme,
In eines Zeltes luft'gem Haus,
Strmt' ich der Dichtung innre Flamme
In lodernden Gesngen aus;
Dann wohl an meinen Lippen hinge
Ein ganzes Volk, ein ganzes Land;
Gleichwie mit Salomonis Ringe
Herrscht' ich, ein Zauberer, im Sand.
Nomaden sind ja meine Hrer,
Zu deren Geist die Wildnis spricht;
Die vor dem Samum, dem Zerstrer,
Sich werfen auf das Angesicht;
Die allzeit auf den Rossen hngen,
Absitzend nur am Wstenbronn;
Die mit verhngten Zgeln sprengen
Von Aden bis zum Libanon;
Die nachts, als nimmermde Spher,
Bei ihrem Vieh ruhn auf der Trift,
Und, wie vorzeiten die Chalder,
Anschaun des Himmels goldne Schrift;
Die oft ein Murmeln noch vernehmen
Von Sina's glutgeborstnen Hhn,
Die oft des Wstengeistes Schemen
In Sulen Rauches wandeln sehn;
Die durch den Ri§ oft des Gesteines
Erschaun das Flammen seiner Stirn -
Ha, Mnner, denen glhnd wie meines
In hei§en Schdeln brennt das Hirn.
O Land der Zelte, der Geschosse!
O Volk der Wste, khn und schlicht!
Beduin, du selbst auf deinem Rosse
Bist ein phantastisches Gedicht! -
Ich irr auf mitterncht'ger Kste;
Der Norden, ach, ist kalt und klug.
Ich wollt', ich sng' im Sand der
Wste,
Gelehnt an eines Hengstes Bug.
5) Erin - Wilhelm Busch
Das traurige Rslein
Ein Rslein war gar nicht munter,
weil es im Topfe stand,
Sah immer traurig hinunter
Auf die Blumen im freien Land.
Die Blumen nicken und winken:
ÈWie ist es im Freien so schn,
Zu tanzen und Tau zu trinken
Bei lustigem Windeswehn.
Von bunten Schmetterlingen
Umgaukelt, geschmeichelt, gek§t;
Dazwischen der Vglein Singen
Anmutig zu hren ist.
Wir preisen dich und loben
Dich, frhliche Sommerzeit;
Ach, Rslein am Fenster droben,
Du tust uns auch gar zu leid.Ç
Da ist ins Land gekommen
Der Winter mit seiner Not.
In Schnee und Frost verklommen,
Die Blumen sind alle tot.
Ein Mgdlein hrt es strmen,
Macht fest das Fenster zu.
Jetzt will ich dich pflegen und
schirmen,
Du liebes Rslein du.
6) Benjamin - Karl Henckell
Im Exil
Tglich seh' ich jenen jungen
Russen mir vorberwehen,
Dessen Augen schmerzbezwungen
Dster vor sich niedergehen.
Bcher schleppt er unterm Arme,
Md ist seines Ganges Weise,
Schleppt die Last von ewigem Harme
–
Seine Lippen zucken leise.
Und der schwarze, kurzgeschorne
Bart umflort des Mundes Weh,
Traurig gr§t der Leiderkorne
Seines Volks Gethsemane.
Polizeikosakenknuten
Hr' ich auf ihn niedersausen,
Dumpfer Klagen finstre Fluten
Des Verbannten Ohr umbrausen.
Sklaventrgheit fhl' ich lasten
Bergesschwer auf seiner Seele,
Hei§en Zornquell spr' ich hasten
Wildaufschumend nach der Kehle.
Eisige Steppenkatakombe
berfriert mich nordlichtklar,
Und zerschmetternd platzt die Bombe
Auf der Freiheit Blutaltar.
7) Hanah - Kurt Tucholsky
An das Publikum
O hochverehrtes Publikum,
sag mal: Bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: "Das Publikum will es
so!"
Jeder Filmfritze sagt: "Was soll
ich machen?
Das Publikum wnscht diese zuckrigen
Sachen!"
Jeder Verleger zuckt die Achseln und
spricht:
"Gute Bcher gehn eben
nicht!"
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?
So dumm, da§ in Zeitungen, frh und
spt,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du knntest verletzt
sein;
aus lauter Angst, es soll niemand
verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Mller und Cohn
knnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es kme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbnde
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte...
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?
Ja dann...
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmssigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Griesbrei-Fresser-?
Ja, dann...
Ja, dann verdienst dus nicht besser
8) Tam - Gottfried Benn
Schne Jugend
Der Mund eines Mdchens, das lange im Schilf
gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiserhre so
lcherig.
Schlie§lich in einer Laube unter dem
Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schne Jugend verlebt.
Und schn und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!